Der Begriff weibliche Energie begegnet mir gerade an vielen Stellen. Auf Social Media taucht er ständig auf, oft verbunden mit Bildern von Ruhe, Sanftheit und Loslassen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass er sehr häufig verkürzt dargestellt wird. Manchmal klingt es fast so, als ginge es einfach darum, weniger zu tun oder darauf zu warten, dass ein Mann das Leben regelt.

Genau deshalb wollte ich diesem Thema in meinem Podcast mehr Tiefe geben.

In meiner Folge mit Selma Gonzales ging es nicht um Rollenklischees und auch nicht darum, Frauen kleiner, passiver oder abhängiger zu machen. Mich hat vielmehr interessiert, was eigentlich mit Frauen passiert, die nach außen stark, organisiert und leistungsfähig wirken, sich innerlich aber oft angespannt, erschöpft oder weit weg von sich selbst fühlen.

Ich glaube, genau da beginnt das Thema spannend zu werden. Nicht als Trendbegriff, sondern als ehrliche Frage: Was passiert mit uns, wenn wir sehr lange funktionieren, viel tragen und irgendwann kaum noch merken, wie es uns selbst eigentlich geht?

Wenn nach außen alles läuft und man sich innerlich trotzdem verliert

Viele Frauen, die zu mir ins Beziehungscoaching nach Wien oder online kommen, kennen diesen Zustand sehr gut.

Sie stehen im Leben, arbeiten, organisieren, kümmern sich um andere, übernehmen Verantwortung und sind oft erstaunlich belastbar. Im Außen sieht das nach Stabilität aus. Und oft ist da auch echte Stärke da.

Gleichzeitig gibt es häufig eine zweite Ebene, über die viel seltener gesprochen wird. Viele dieser Frauen sind dauerhaft angespannt. Sie fühlen sich schnell zuständig, denken automatisch für andere mit und haben Mühe, wirklich abzuschalten. Selbst dann, wenn sie müde sind oder sich nach Ruhe sehnen, kommt oft sofort das schlechte Gewissen.

Auch Selma hat in der Podcastfolge sehr eindrücklich beschrieben, wie sich bei ihr mit der Zeit immer mehr Verantwortung angesammelt hat: für den Haushalt, für die Kinder, für Organisation, Finanzen und das soziale Leben der Familie. Besonders deutlich wurde im Gespräch aber noch etwas anderes: Nicht nur die Menge an Aufgaben war das Problem, sondern auch der innere Anspruch, all das gut machen zu müssen, um sich wertvoll zu fühlen.

Viele Frauen leiden deshalb nicht nur darunter, dass sie zu viel tun. Sie leiden auch darunter, dass ihr Selbstwert unbewusst an Leistung, Nützlichkeit und Kontrolle gekoppelt ist.

Weibliche Energie bedeutet für mich nicht Passivität

Ein wichtiger Teil des Gesprächs mit Selma war deshalb die Frage, was mit weiblicher Energie überhaupt gemeint ist.

Gerade online wird der Begriff oft so verwendet, dass man am Ende eher verwirrter ist als vorher. Was ich an Selmas Sicht darauf sehr mochte, war ihre Klarheit. Für sie bedeutet weibliche Energie vor allem die Verbindung mit sich selbst: mit dem eigenen Körper, den eigenen Bedürfnissen und der eigenen inneren Wahrheit.

Und genau so würde ich es auch übersetzen.

Es geht nicht darum, nichts mehr zu leisten. Es geht auch nicht darum, keine Verantwortung mehr zu übernehmen. Und es geht schon gar nicht darum, sich abhängig von einem Partner zu machen.

Es geht vielmehr darum, nicht mehr ständig gegen sich selbst zu arbeiten.

Also nicht nur zu fragen: Was müsste ich jetzt tun, damit alles läuft? Sondern auch: Wie geht es mir eigentlich gerade? Was brauche ich? Wo gehe ich schon wieder über mich drüber?

Warum dieses Thema in Beziehungen so sichtbar wird

In Beziehungen wird dieser Funktionsmodus oft besonders deutlich.

Viele Frauen übernehmen mit der Zeit unglaublich viel. Sie organisieren Termine, denken an alles, tragen den Mental Load, kümmern sich um Kinder, Haushalt, Emotionen und oft auch noch darum, dass die Beziehung halbwegs stabil bleibt. Dazu kommt häufig der Anspruch, beruflich ebenfalls alles im Griff zu haben.

Was dabei oft übersehen wird: Diese Dynamiken entstehen selten von heute auf morgen. Sie entwickeln sich schleichend.

Auch das kam in meinem Gespräch mit Selma sehr deutlich raus. Vieles wurde bei ihr zunächst einfach mitübernommen, ohne dass später bewusst geschaut wurde, wie Aufgaben wieder anders verteilt werden könnten. Als sie zurück in den Beruf ging, blieb trotzdem weiterhin ein sehr großer Teil der Verantwortung bei ihr.

Ich erlebe in meiner Arbeit oft, dass Frauen an diesem Punkt irgendwann sehr frustriert sind. Sie fühlen sich allein gelassen, überlastet und haben das Gefühl, alles tragen zu müssen. Und das ist verständlich.

Gleichzeitig wird es genau an dieser Stelle spannend, wenn wir nicht nur fragen, was der Partner alles nicht macht, sondern auch, wie diese Dynamik eigentlich entstanden ist.

Denn wenn eine Person über Jahre sehr viel übernimmt, plant, kontrolliert und vorgibt, wie Dinge laufen sollen, dann passt sich das System daran an. Das heißt nicht, dass der Partner keine Verantwortung hat. Aber es heißt oft, dass der andere in dieser Dynamik nicht größer, sondern eher kleiner wird.

Mir ist wichtig, das nicht als Schuldfrage zu formulieren. Es geht nicht darum, Frauen jetzt die Verantwortung für alles zuzuschieben. Es geht darum, den eigenen Anteil an einer Dynamik zu verstehen. Denn genau darin liegt ja auch die Chance, etwas zu verändern.

Viel geben ist nicht immer nur Liebe

Ein Gedanke aus der Folge ist mir besonders hängen geblieben.

Nicht jedes viele Geben kommt nur aus Liebe oder Großzügigkeit.

Manchmal steckt darunter auch ein Versuch, sich sicher zu fühlen.

Wenn ich viel übernehme, viel leiste, alles im Blick habe und überall mitdenke, gibt mir das vielleicht ein Gefühl von Kontrolle. Vielleicht beruhigt es mein Nervensystem. Vielleicht gibt es mir das Gefühl, gebraucht oder wichtig zu sein. Vielleicht hoffe ich unbewusst, dass ich dann weniger angreifbar bin oder mehr Liebe bekomme.

Ich finde, das ist ein wichtiger Gedanke, weil er uns ehrlicher macht.

Natürlich gibt es echte Fürsorge. Aber manchmal lohnt es sich, sich selbst zu fragen: Tue ich das gerade wirklich aus freiem Herzen? Oder macht es mich innerlich unruhig, wenn ich es nicht tue?

Selbstwert zeigt sich oft daran, ob ich mir selbst überhaupt ein Bedürfnis erlaube

Ein weiterer großer Teil des Gesprächs war das Thema Bedürfnisse.

Und ich glaube, hier liegt für viele Frauen ein sehr zentraler Punkt. Denn oft geht es gar nicht zuerst darum, Bedürfnisse besser zu kommunizieren. Oft geht es schon einen Schritt früher los: Erlaube ich mir überhaupt, ein Bedürfnis zu haben?

Viele Frauen merken erst sehr spät, dass ihnen etwas fehlt. Nicht, weil sie nichts fühlen würden, sondern weil sie gelernt haben, zuerst zu funktionieren. Sie spüren ihre Grenzen oft erst dann, wenn sie schon gereizt, erschöpft oder innerlich weit von sich selbst weg sind.

Auch das erlebe ich im Beziehungscoaching sehr häufig. Viele Frauen sagen nicht frühzeitig: Ich brauche heute Unterstützung. Ich bin müde. Ich wünsche mir mehr Nähe. Ich möchte gerade einfach nicht funktionieren. Stattdessen versuchen sie, weiter durchzuhalten.

Für mich hängt genau das sehr eng mit Selbstwert zusammen. Denn wenn ich tief in mir glaube, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als meine, dann werde ich meine eigenen immer wieder relativieren.

Mein Partner muss meine Bedürfnisse nicht erraten

Viele Menschen wünschen sich, dass der Partner von selbst merkt, was ihnen fehlt. Dass er erkennt, wann sie überlastet sind, wann sie Nähe brauchen oder wann es Zeit wäre, Verantwortung zu übernehmen.

Dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Natürlich ist es schön, wenn ein Partner aufmerksam ist. Trotzdem finde ich es wichtig, hier ehrlich zu sein: Eine erwachsene Beziehung auf Augenhöhe lebt nicht davon, dass der andere meine Gedanken lesen muss.

In der Podcastfolge habe ich dazu auch psychologisch eingeordnet, dass es eigentlich nur eine Lebensphase gibt, in der es stimmig ist, dass jemand anders unsere Bedürfnisse erkennen und erfüllen muss, nämlich in der frühen Kindheit. In Partnerschaften funktioniert Beziehung anders. Dort braucht es keine Gedankenleser, sondern Menschen, die lernen, sich selbst wahrzunehmen und das, was sie brauchen, klarer mitzuteilen.

Das macht Beziehung nicht unromantischer. Für mich macht es sie ehrlicher.

Kontrolle wirkt oft stark, hat aber viel mit Unsicherheit zu tun

Viele Frauen würden sich selbst gar nicht als kontrollierend beschreiben. Sie würden eher sagen: Ich bin organisiert. Ich denke mit. Ich möchte, dass Dinge gut laufen. Ich kann schlecht abgeben.

Und ja, vieles davon ist nachvollziehbar.

Gleichzeitig steckt dahinter häufig mehr als nur ein hoher Standard. Kontrolle ist oft der Versuch, Unsicherheit nicht fühlen zu müssen.

Wenn ich alles plane, denke ich vielleicht, dass weniger schiefgehen kann. Wenn ich alles selbst mache, muss ich mich nicht darauf verlassen, dass andere es anders machen. Wenn ich alles im Blick habe, fühle ich mich weniger ausgeliefert.

Das Problem ist nur: Beziehungen werden durch Kontrolle selten weicher. Meistens werden sie enger.

Der Weg zurück zu mir beginnt oft nicht im Kopf, sondern im Körper

Zum Ende der Folge ging es darum, was Frauen konkret tun können, wenn sie merken, dass sie sehr im Kopf, sehr im Funktionieren und sehr im Kontrollieren sind.

Und auch da fand ich Selmas Perspektive sehr stimmig. Wenn wir nur im Denken bleiben, landen wir schnell entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Der Körper ist dagegen immer im Hier und Jetzt. Deshalb ist die Verbindung mit dem Körper oft ein erster Weg zurück zu sich selbst.

Das kann über ganz unterschiedliche Dinge passieren: durch Atmen, Bewegung, Musik, Tanzen, Sport, Kreativität oder auch Meditation. Nicht als Selbstoptimierung, sondern als Möglichkeit, sich wieder zu spüren.

Mein Fazit

Wenn ich etwas aus dieser Podcastfolge mitnehme, dann vor allem das:

Weibliche Energie ist für mich kein hübsches Konzept und auch kein Beziehungs-Trend. Sie hat nichts damit zu tun, sich kleiner zu machen oder weniger stark zu sein.

Für mich bedeutet sie vielmehr, wieder mehr in Verbindung mit sich selbst zu kommen. Mit dem eigenen Körper. Mit den eigenen Bedürfnissen. Mit der inneren Wahrheit. Und auch mit der Fähigkeit, nicht immer nur stark, nützlich und kontrolliert sein zu müssen.

Viele Frauen verlieren sich nicht deshalb, weil sie zu wenig können. Oft verlieren sie sich gerade deshalb, weil sie so lange gelernt haben, stark zu sein, sich anzupassen und viel zu tragen.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, hör dir sehr gern meine Podcastfolge mit Selma an:
#73 Raus aus dem Funktionieren: Weibliche Energie, Selbstwert und Beziehungen mit Selma Gonzales

Und wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du dich in Beziehungen oft verlierst, sehr viel trägst oder dich selbst schwer ernst nimmst, dann begleite ich dich gern dabei. In meinem Beziehungscoaching in Wien oder online schauen wir gemeinsam darauf, welche Muster dich in Beziehungen festhalten und wie du wieder mehr bei dir selbst ankommen kannst.

About the Author Chiara Valentini

Ich begleite Singles und Paare dabei, Beziehungsmuster nachhaltig zu verändern, besser zu kommunizieren und beziehungsfähiger zu werden.

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